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Pressemitteilung vom 05.02.2010

Elternwille bleibt wichtig – doch wer trifft die Entscheidungen?

Bildungsregion Göttingen: Erstes „Pädagogisches Forum“ zum Thema Übergang von der Grundschule in den Sekundarbereich I

Göttingen.

Beim Übergang von der Grundschule an die weiterführenden Schulen soll der Elternwille eine hohe Bedeutung behalten – darin waren sich die Teilnehmer des ersten öffentlichen „Pädagogischen Forums“ einig. Wie jedoch das Bildungssystem in Niedersachsen künftig aussehen soll, wie der einzelne Schüler und die einzelne Schülerin auch beim Wechsel der Schule wirksam gefördert werden kann - darüber gingen die Meinungen weit auseinander.

Für die Bildungsregion Göttingen hatten das Pädagogische Seminar der Universität Göttingen und der Regionalverband Südniedersachsen sieben Expertinnen und Experten geladen – darunter Christian Grascha, Landtagsabgeordneter und Mitglied der FDP - der Partei, die im November 2009 auf Landesebene beschlossen hatte, den Elternwillen einzuschränken. Begründung: Die Grundschulpädagogen seien als eigentliche Experten in der Lage, das Leistungsvermögen der Kinder im vierten Jahrgang objektiv zu beurteilen. Fallen Elternwillen und Laufbahnempfehlung auseinander, soll zunächst in einem Gespräch versucht werden, einen gemeinsamen Nenner zu finden. Im Konfliktfall, so erläuterte Grascha, soll dann eine Eignungsprüfung den Ausschlag geben.

Die Göttinger Grundschullehrerin Anik Köhpcke sprach sich bei der Debatte im Pädagogischen Seminar der Universität Göttingen nachdrücklich gegen die Aufhebung des freien Elternwillens aus. Sie sei froh darüber, Empfehlungen aussprechen zu dürfen, aber keine - auch juristisch anfechtbaren - Entscheidungen treffen zu müssen. Zudem bestehe die Gefahr, dass einflussreichen Eltern Gefälligkeitsgutachten ausgestellt werden könnten.

Nach der vierten Klasse trennen sich nach Einschätzung der Privatdozentin Dr. Katja Koch von der TU Braunschweig nicht nur die Schulwege der Kinder, sondern auch deren Lebenswege. Schuld sei das dreigliedrige, auf frühe Selektion abstellende traditionelle Schulsystem. Bei der Beurteilung sehr guter und schlechter Schüler treffen die Beurteilungen der Grundschullehrer nach Einschätzung von Katja Koch in den meisten Fällen zu; viel weniger präzise seien die Beurteilungen durchschnittlicher Schüler. Untersuchungen hätten jedoch gezeigt, dass die meisten Schüler auf den Schulen zurechtkämen, die sie besuchten. Pragmatischer Vorschlag der Wissenschaftlerin: Grundschulen sollten etwa mit Hilfe von Beobachtungsbögen standardisierte Beurteilungsverfahren nutzen, bevor sie ihre Voten über die weitere Schullaufbahn der Kinder abgäben.

Der Vorsitzende des Stadtelternrates Einbeck, Arne Radtke-Delacor, forderte eine Verbesserung der Kommunikation zwischen Schule, Schüler und Elternhaus. Die Debatte über die Einschränkung des Elternwillens gehe am eigentlichen Thema - nämlich den Schwächen des gegliederten Schulsystems - vorbei und fördere nur die Angst vor Zwangsmaßnahmen. Bevor der Elternwille geopfert werde, müsse ermittelt werden, wie groß die Diskrepanzen zwischen Schullaufbahnempfehlungen und dem Elternwillen eigentlich sei.

Jens Haepe, Leiter der Haupt- und Realschule Groß Schneen, machte auf die guten Lehr- und Lernbedingungen an Hauptschulen aufmerksam. Bei der Schullaufbahn sei „der Weg das Ziel“. Es sei keineswegs im Interesse der Kinder und Jugendlichen, wenn sie Schulen besuchten, die ihren Fähigkeiten und Neigungen nicht entsprächen. Hauptschülern sei zudem keineswegs der Weg zu höheren Schulabschlüssen und Erfolg im Berufsleben verbaut: Das zeigten auch die Wechsel zwischen Haupt- und Realschule in Groß Schneen. Nachdrücklich sprach sich Haepe gegen mehr Leistungsdruck an den Grundschulen aus.

Nach Einschätzung des Bildungsexperten Peter Brammer kommt es auf die Qualität der weiterführenden Schule an, ob die Schülerinnen und Schüler den Anschluss schafften. Bei den Gymnasien sei der Handlungsbedarf erheblich – er werde aber auch vielerorts bereits anerkannt. Die Verantwortlichen versuchten, eine Schulphilosophie zu entwickeln, die Schulatmosphäre zu verbessern und die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler zu stärken. Brammer wies aber darauf hin, dass an den Göttinger Schulen in den vergangenen zwanzig Jahren bei gleich bleibenden Schülerzahlen die Zahl der Lehrkräfte um 12 bis 20 Prozent gesunken sei - bei höheren zeitlichen und inhaltlichen Anforderungen und geringerer Bezahlung der Lehrerinnen und Lehrer.

Zu Beginn der Debatte hatte Prof. Dr. Hermann Veith vom Pädagogischen Seminar moniert, dass immer wieder darüber diskutiert werde, wie sich der Schüler der Schulform anpassen könne. Viel wichtiger sei es doch, dass sich die Schulform auf die Bedürfnisse der Schülerinnen und Schüler einstelle.

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