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Pressemitteilung vom 09.06.2010

Hermann Veith: Wilhelm von Humboldt als Vordenker der Gesamtschule

Drittes Pädagogisches Forum in der IGS Göttingen-Geismar – Von der Philosophie zur praktischen Umsetzung

Pressefoto
Hermann Veith
Göttingen.

Die Philosophie von Gesamtschulen fußt nicht zuletzt auf Vorstellungen, die Wilhelm von Humboldt Anfang des neunzehnten Jahrhunderts entwickelt hat: Auf kulturhistorische Zusammenhänge verwies Prof. Dr. Hermann Veith vom Pädagogischen Seminar der Universität Göttingen zu Beginn des dritten „Pädagogischen Forums“ der Bildungsregion Göttingen im Lichtenberg-Saal der IGS in Göttingen-Geismar. Zu den 30 Gästen des Forums zählten Pädagogen aus Einbeck, Duderstadt und Gieboldehausen - Orten, in denen derzeit an Plänen zur Gründung von Gesamtschulen gearbeitet wird.

Bereits im Jahr 1810 - also während der Zeit der Napoleonischen Besetzung - habe von Humboldt einen Integrationsplan vorgelegt, der sich insbesondere mit der Verbesserung des Bildungswesens befasste. Ziel sei es gewesen, den Ständestaat abzulösen und die „Schule für alle“ mit den Stufen Elementarunterricht, Schulunterricht und Universitätsunterricht zu schaffen. Tatsächlich bestanden dann aber neben den Volksschulen als Ausdruck der Klassengesellschaft Gymnasien, Realgymnasien, Bürgerschulen, Mittelschulen und Oberrealschulen nebeneinander. Erst die Weimarer Verfassung habe dann immerhin – so Veith weiter – die gemeinsame Grundschule realisiert und das mittlere und höhere Bildungswesen etabliert.

Veith machte deutlich, das so entstandene bildungspolitische Selbstverständnis des gegliederten Schulsystems beruhe auf der Vorstellung, homogene Gruppen könnten am besten Lernen. Veith: „Dabei wird übersehen, dass es homogene Gruppen gar nicht gibt – in der Bildung ebenso wenig wie in der Gesellschaft“.

Zur Untersuchung der Frage, inwieweit das deutsche Bildungssystem dazu beigetragen habe, dass sich der Nationalsozialismus entwickeln konnte, hätten die Alliierten nach dem zweiten Weltkrieg die so genannte „Zook-Kommission“ gegründet. Sie sei zu dem Schluss gekommen, dass das dreigliedrige Schulsystem einer aristokratisch-militärischen Tradition folge und Standesdenken fördere, das seinerseits eine Untertanenmentalität hervorbringe. Deshalb habe die Kommission die Schaffung eines „sozial gerechten Schulsystem mit gleichen Bildungsmöglichkeiten für alle“ gefordert.

Folgende Elements sollten verwirklicht werden:

  • unentgeltliche Bildungsangebote und Unterstützung für Bedürftige;
  • die Ersetzung des alten Schultyps durch eine Einheitsschule. Diese sollte aus einer sechsjährigen Grundschule und darauf folgende Abschnitte bestehen, jedoch nicht aus verschiedenen Schulformen;
  • die Lehrerausbildung sollte an einer Universität oder einem Pädagogischen Institut von Universitätsrang erfolgen.

Veith machte deutlich, dass die Vorschläge der marginal nur in kleinen Teilen umgesetzt worden seien. Erst zur Zeit der Großen Koalition unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger sei bundesweit über Gesamtschulen intensiv diskutiert worden. Zur Zeit der sozial-liberalen Koalition unter Willy Brandt habe sich die CDU dann als Gegnerin von Gesamtschulen profiliert.

Den Anspruch auf Chancengerechtigkeit und Durchlässigkeit, die individualisierte Bildung, die soziale und individuelle Förderung sowie die Anerkennung der Heterogenität als Ressource bezeichnete Veith als die wichtigsten Elemente von Gesamtschulen.

Um konkrete Fragestellungen wie die Organisation von Lerngruppen ging es im zweiten Teil des Pädagogischen Forums. Die Lehrerin Stephanie Vogelsaenger und ihr Kollege Ralf Ralle wiesen darauf hin, dass Kinder am besten von Kindern lernten. Es komme also darauf an, den Unterricht so zu gestalten, dass diese Lernprozesse effizient gesteuert würden.

Zentrales Element der IGS-Philosophie seien deshalb Tischgruppen, in denen Schülerinnen und Schüler unterschiedlicher Lernniveaus zusammen säßen. Im Abstand von sechs Monaten bis zwei Jahren würden diese Gruppen neu zusammengesetzt – so, dass von der fünften bis zur zehnten Klasse jeder Schüler mit allen Mitschülerinnen und Mitschülern mal in einer Tischgruppe zusammen gearbeitet habe.

Besonders wichtig sei die Zusammenarbeit mit den Eltern – ein zeitaufwändiger, aber für den Erfolg der gemeinsamen Arbeit wichtiger Anspruch. Pädagogisch schwierig sei es zuweilen, verhaltensauffällige Schüler in den Unterricht zu integrieren – starke Schüler auch zu exzellenten Leistungen zu motivieren, sei in der Regel nicht das Problem. Was das Leistungsvermögen der Abiturienten angehe, brauche die IGS auch einen landesweiten Vergleich nicht zu scheuen. Stephanie Vogelsaenger: „Die Aufgaben den Zentralabiturs sind eher so, dass wir mit unseren Ansprüchen heruntergehen müssen.“

Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Veranstaltung verständigten sich darauf, dass die Reihe der „Pädagogischen Foren“ in der zweiten Jahreshälfte 2010 fortgesetzt wird. Es soll dann um die pädagogische Konzeption sowie um die Frage gehen, wie eine gemeinsame Gesamtschulkultur von Lehrerinnen und Lehrern entwickelt werden können, die aus verschiedenen Schulen und verschiedenen Schulformen kommen.

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