o
  o
 

Pressemitteilung vom 24.02.2012

„Menschen mit originellen Merkmalen gibt es viele!“

Vortrag und Podiumsdiskussion zur „Schule ohne Benachteiligung?!“

Überrascht und erfreut zeigte sich Göttingens Schuldezernent Siegfried Lieske bei seiner Begrüßungsansprache über den erneut vollbesetzten Ratssaal: Wo am Vorabend Interessierte beim Bürgerdialog zum Thema Zukunftsvertrag die Ränge gefüllt hatte, besetzten am Donnerstagabend Lehrer, Studenten und Eltern den Saal bis auf den letzten Platz – und darüber hinaus. Rund 250 Interessierte waren gekommen, um sich mit der „Herausforderung Inklusion“ – so das Motto der Veranstaltung – auseinanderzusetzen.

Eine Gruppe Göttinger Lehramtsstudenten, Stipendiaten der Stiftung der Deutschen Wirtschaft, hatte sich die Frage nach der Machbarkeit einer „Schule ohne Benachteiligung?!“ gestellt und in enger Zusammenarbeit mit dem Verein EIFER und der Bildungsregion Göttingen sowie mit Unterstützung der Stadt Göttingen zu der Veranstaltung eingeladen.

Hauptredner des Abends war Prof. Dr. Matthias von Saldern, Bildungsforscher und Lehrstuhlinhaber an der Universität Lüneburg. Der gut gelaunt auftretende von Saldern outete sich eingangs als selbst von einer Behinderung betroffener Mensch: Ohne seine Brille könne er noch nicht mal das Geschlecht seiner Gesprächspartner erkennen, die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben wäre ihm daher ohne dieses Hilfsmittel erheblich erschwert. Dass er im Allgemeinen dennoch nicht als „Behinderter“ angesehen würde, sei eine eher zufällige Definition.

In einer seit 2009 in Deutschland geltenden UN-Konvention ist das Recht von Menschen mit Behinderungen auf selbstbestimmte, gleichberechtigte Teilhabe festgeschrieben. „Darüber, ob wir Inklusion wollen, diskutiere ich nicht“, betonte von Saldern. Sie sei gültiges Menschenrecht und von daher nicht verhandelbar. Wichtig auch: Der Anspruch gelte für alle Lebensbereiche und mache überall ein Umdenken nötig.

Bezogen auf die Inklusion im Bildungswesen versuchte von Saldern zunächst, Ängste zu relativieren. Er wies auf die vorhandene Heterogenität der Schülergruppen hin, auf „originelle Merkmale“ wie Armut, Hochbegabung, unterschiedliche Sprachkenntnisse und vieles mehr. Damit würden Lehrer an niedersächsischen Schulen bereits umgehen und sie würden sich auskennen mit Unterricht, der Anforderungen an Schüler nach ihren Voraussetzungen differenziert. In dem Kontext sei die Herausforderung durch die Inklusion gar nicht so gewaltig, denn: „Wenn morgen alle Förderschulen aufgelöst würden, käme deutschlandweit pro Klasse ein halbes Kind dazu“.

Dennoch sei ein grundlegendes Umdenken im Bereich des Schulwesens nötig. Bei den Modellen, die jetzt diskutiert würden, ginge es nicht um Inklusion, sondern lediglich um mehr Integration, „IntegrationPlus“, so von Saldern. Dies sei der Versuch, ein neues Menschenrecht mit alten Mitteln umzusetzen. Stattdessen müsse von den Vorstellungen abgegangen werden, dass innerhalb einer Schulform alle Schüler gleiche Lernvoraussetzungen hätten und dass die Lernentwicklung üblicherweise gleichmäßig voranschreite. Beides treffe nicht zu. Von einem gleichen Lerntempo aller Schüler in einer Klasse auszugehen mache ebenso wenig Sinn wie allen Kindern die gleiche Anzahl an Fachstunden zu erteilen und Abschlüsse nach einer festgelegten Anzahl von Jahren vorzuschreiben. Eine Umgestaltung des Schulsystems, die individuelle Lernprozesse ermögliche und unterstütze, sei daher im Sinne aller: „Was für Kinder mit Förderbedarf hilfreich ist, nützt auch allen übrigen Kindern!“

Bei der anschließenden Podiumsdiskussion ging es dann weniger um den großen Wurf zur Umgestaltung des Schulsystems im Sinne aller Schüler. Hier standen stärker die Möglichkeiten und Grenzen der Integration innerhalb des niedersächsischen Schulgesetzes im Vordergrund. Aus Sicht der Eltern meldete sich Dr. Holger Hennings, Vorsitzender des Vereins EIFER, zu Wort. Gerd Bohl, Schulleiter einer Förderschule für geistige Entwicklung in Hannover, stellte das Kooperations-Modell seiner Schule vor, in dem mehrere Grundschulen und eine Gesamtschule Außenklassen der Förderschule beherbergen. Wolfgang Kuhlemann, Dezernent der Niedersächsischen Schulbehörde, nannte einige Aspekte der anstehenden Schulgesetzänderung, die trotz erster Entwürfe seit 2009 noch nicht abschließend im Landtag verhandelt worden ist. Es ist zu befürchten, dass sie bei weitem nicht das leisten wird, was die UN-Behindertenrechtskonvention und Bildungsforscher wie von Saldern einfordern.

Text: Birgit Bräuer, 24.02.2012

Aktuelles
Logo Stadt Göttingen Logo Landkreis Göttingen Logo Landkreis Northeim Logo Niedersächsisches Kultusministerium