o
  o
 

Pressemitteilung vom 17.07.2013

Heiße Eisen sollte man schmieden

Ein massiver Schülerrückgang steht vor der Haustür. In die Planung der Berufsschullandschaft muss landkreisübergreifend und vor allem konkret Bewegung kommen – doch ein Konzept ist nicht in Sicht.

Pressefoto
RegJo Bildung Spezial
Göttingen.

Der Kuchen wird kleiner. Und doch sollen auch in Zukunft gleich viele gleich große Stücke herauskommen? Ein Kunststück, für das man Jesus bräuchte. Die Rede ist vom Rückgang der Schülerzahlen. Die Prognosen bis 2025 – nur noch zwölf Jahre weg – sind mit einem Wort: düster. Im Landesschnitt gehen bis dahin die Schülerzahlen im Berufsbildenden Bereich um über 20 Prozent zurück, in ländlichen Gebieten oder etwa im demografisch ohnehin schon schwer gebeutelten Harz noch etwas mehr. Damit beschleunigt sich eine Entwicklung, die so schon länger bekannt ist: das langsame Ausbluten von Ausbildungsgängen, das Schrumpfen von Berufsbildenden Schulen, das Verarmen der lokalen Ausbildungslandschaft, weniger Ausbildungsbetriebe und ein sich verstärkender Fachkräftemangel.

Zwei Schreckgespenster haben sich in den Raum geschlichen, die Standortschließung und Strukturschwäche heißen. Diesen worst case will man verhindern, denn die Berufsbildenden Schulen sind ein wichtiger Pfeiler des Wirtschaftslebens vor Ort: als Lieferant von Fachkräften, als Arbeitgeber aber auch gesellschaftlich durch die Mitnutzung von Sporthallen oder Aulen für Veranstaltungen. Deswegen sind sich ja auch alle einig: Sämtliche Berufsschulstandorte in Südniedersachsen sollen erhalten bleiben. Das ist erklärter politischer Wille.

Über die Marschroute besteht dabei eigentlich Konsens – bei der IHK, im Handwerk, der Landesschulbehörde, den Landkreisen, den Berufsschulen: Profilbildung und Einrichtung von Kompetenzzentren an den Berufsbildenden Schulen sollen sowohl alle Standorte erhalten als sie auch zukunftsfähig aufstellen. Dass man dazu notwendigerweise über die Grenzen der Landkreise hinausschauen und in regional vernetzten Räumen handeln muss, auch da herrscht Konsens. Konkret heißt das etwa, dass ein Ausbildungsgang, der bisher an vielen Standorten in Südniedersachsen angeboten wird, nun an einem Ort oder zumindest an deutlich weniger Schulen konzentriert wird. Die Rede ist letztlich von einer koordinierten Berufsschulentwicklungsplanung der Landkreise Osterode, Northeim und Göttingen: eine Flurbereinigung der bunten Ausbildungslandschaft, die in großem Maßstab Ausbildungsgänge umverteilt – die lokalen Stärken berücksichtigend und die Interessen der Standorte ausgleichend. Im Grunde also ein Geben und Nehmen, um im regionalen Maßstab Synergien erzeugen zu können. Nur: Sie nehmen alle gern, aber mit dem Geben tun sich einige schwer. Entsprechend ist die Handlungsnotwendigkeit klar, auch die Strategie, nur wie genau die umgesetzt werden soll, wer genau was abgibt und wer was bekommt – das ist offen. Bisher wird eine große Lösung nur vertagt. Gesprochen wird darüber nicht.

Dabei zeigt sich im Kleinen, dass es geht. 2010 hatten sich auf Fachebene die BBS 2 in Northeim und die Göttinger BBS 3 darauf verständigt, dass der Agrarbereich komplett nach Northeim geht und im Gegenzug der Bereich Hauswirtschaft und Ernährung nach Göttingen kommt. Seit dem Schuljahr 2011/12 läuft diese Regelung, die Zustimmung der Politik war unkritisch. Auch die Ansiedlung der Mechatronik-Ausbildung in Osterode ist eine gemeinsame Entscheidung der drei Landkreise gewesen. Doch sind Grenzen schnell erreicht, wie sich ebenfalls an der Northeimer BBS 2 zeigt. Auf Schulebene ist man sich mit den Göttingern einig, die Holztechnik abzugeben und dafür Zimmerer und Maurer zu bekommen. Die Maurer werden jedoch teilweise auch in Duderstadt unterrichtet – verständlicherweise hält die dortige BBS von der Verlagerung nicht so viel. In der Northeimer BBS 2 stehen zudem große Investitionen in den Baubestand an, 16 Mio. Euro sind dafür eingeplant, doch angesichts der Haushaltslage müssen die Investitionen gestreckt werden. 2014 soll es losgehen – zunächst mit Metall- und Versorgungstechnik sowie im Kfz-Bereich, die sicher auch in Northeim bleiben werden. Wann – und ob – der Bautechnikbereich mit den Maurern und Zimmerern drankommt, ist derzeit noch offen, denn die Investitionen hängen letztlich auch von den Göttingern ab. In Northeim hätte man gerne Klarheit, ob der Tausch der Ausbildungsgänge nun zustande kommt oder nicht, um sich keine Fehlinvestitionen in den Haushalt zu stellen. Doch aus der Göttinger Kreisverwaltung gibt es nur den Hinweis, dass dort erstmal die Situation im eigenen Landkreis geklärt werden müsse.

Der Landkreis Göttingen allerdings hat einen echten „gordischen Knoten“ zu lösen: Drei starken Berufsschulen in der Stadt Göttingen stehen die Berufsbildenden Schulen in Hann. Münden und Duderstadt gegenüber. Insbesondere Duderstadt hat bereits mit einem Rückgang der Schülerzahlen zu kämpfen, der Landkreis sieht daher auch eine besondere Dringlichkeit für die Sicherung dieses Standortes. Vor diesem Hintergrund wurden Mitte 2012 insgesamt sechs verschiedene Modellvorschläge zur Weiterentwicklung der Berufsbildenden Schulen diskutiert – von der IHK/KHS, der BBS II Göttingen, ein gemeinsames Modell der BBS Duderstadt und BBS Münden, das Modell der BBS III Göttingen, jenes der BBS Duderstadtund eines der Kreistagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Gemein war den meisten Modellen, dass klare Schwerpunkte durch abgestimmte Aufteilung der Kompetenzen und Ausbildungsgänge gebildet werden sollten. Es bestand auch Einigkeit, dass aufgrund des demografischen Wandels Maßnahmen zur Existenzsicherung aller drei Berufsschulstandorte getroffen werden müssen. Und doch: Kein einziges Modell wurde als konsensfähig eingestuft, alle Schulen wünschen sich die Selbständigkeit. Die Landesschulbehörde hat zudem deutlich gemacht, dass sie die Situation gegenwärtig für noch nicht gravierend genug hält und daher etwa die Aufhebung einzelner Schulen und die Bildung von Außenstellen voraussichtlich keine Zustimmung erwarten könne. Was auch deutlich wurde: Keine Schule will etwas hergeben und so stehen sich die Standorte Göttingen und Duderstadt/Hann. Münden, Zentrum und Peripherie, verharrend gegenüber. Im Grunde ist das heute, ein Jahr später, immer noch so. Die Berufsschulen der Stadt Göttingen sind mit ihren starken Schülerzahlen dabei in einer relativ bequemen Situation und können es sich eher leisten, einfach abzuwarten – denn die Kleinen bluten ja zuerst aus. Nach der Beratung über die Modelle verwies der Arbeitskreis angesichts dieser Lage denn auch einigermaßen hilflos darauf, dass eine externe Moderation gegebenenfalls Lösungen aufzeigen könnte. Nur: Von wem soll die kommen?

Das Land nimmt bisher keine steuernde Funktion ein, befürwortet zwar landkreisübergreifende Ansätze, hält sich sonst aber vornehm zurück. Dabei hat es als Dienstherr der Lehrkräfte über die Lehrerversorgung durchaus Einflussmöglichkeiten. Mit einem ersten winzigen Schritt soll immerhin dem demografischen Wandel in der Fläche Rechnung getragen werden, indem die notwendige Klassengröße für eine hundertprozentige Lehrerstelle abgesenkt werden soll. Auch die große Chance, das Thema Neuordnung der Berufsschullandschaft mit den Fusionsverhandlungen zwischen Northeim, Osterode und Göttingen zu klären, ist vergeben – das Thema wurde quasi ausgespart. Dabei wäre das eine Gelegenheit gewesen, mit dem Druck der Notwendigkeit zu gemeinsamen Lösungen zu kommen. So blieb es bei der simplen Feststellung, dass alle Standorte erhalten bleiben sollen. Wie – darum wollte man sich irgendwann später kümmern. Nur gehen vom Aussitzen die absehbaren Probleme leider auch nicht weg.

Wenn sich aber Göttingen nicht einmal intern einig wird, wie soll dann erst ein regional abgestimmtes Konzept mit Göttingen entstehen? Der Landkreis Northeim mit seinen vier Berufsbildenden Schulen hat es hingegen – bei deutlich einfacherer Ausgangslage – geschafft, einen Ausgleich zwischen der BBS in Einbeck und Northeim herzustellen, Ausbildungsgänge wurden getauscht. Auch eine administrative Zusammenlegung der Northeimer BBS 1 und 2 könnte man sich auf mittlere Sicht vorstellen. In Osterode wiederum, wo sich die beiden Berufsschulen ohnehin schon sehr eng abstimmen und sich mit Lehrkräften aushelfen, wird bereits fest damit gerechnet, dass BBS 1 und BBS 2 sich zu einer Bündelschule zusammenschließen, wenn die Schülerzahlen weiter sinken.

Im Grunde macht es zumindest für Göttingen und Osterode Sinn, sich bereits jetzt schon auf ein regional abgestimmtes Konzept zu verständigen – schließlich will man 2016 fusionieren. Schafft man das nicht im Vorfeld, wird für den neuen Landkreis Göttingen-Osterode die Situation nicht unkomplizierter: Statt drei Berufsschulen in einem starken Oberzentrum und zwei peripheren Standorten sind es dann drei periphere Standorte mit einem Schwergewicht am Harz. Und wenn ohnehin Göttingen und Osterode miteinander reden, kann man auch Northeim mit ins Boot holen, denn die Südniedersachsenconnection ist ja da. Der Appell der Nachbarn ist jedenfalls deutlich: Wie verhärtet auch immer die Fronten innerhalb Göttingens sind, das Thema muss wieder auf die Agenda. Besser jetzt als später.

Denn die kleinen Klassen, die von größeren quersubventioniert werden, die gibt es bereits heute an vielen Standorten und in einigen Ausbildungsgängen. ‚Klein’ heißt weniger als 14 Schüler in einer berufsausbildenden Klasse. Das ist die Grenze, ab der die nötige Lehrkraft voll finanziert wird – das Lehrerbudget wird nach Schülerzahl bemessen. Sind die Klassen kleiner, müssen sie von den stärkeren Klassen sozusagen mitfinanziert werden. In der Praxis kommt es auch vor, dass die Schüler mancher kleinen Klasse einfach in andere Ausbildungsklassen aufgenommen werden – worunter dann die fachliche Qualität leidet. Gleichzeitig sind die Schulen für ihr Gesamtbudget eigenverantwortlich, sie entscheiden, ob neue Ausbildungsgänge angeboten und wenig nachgefragte quersubventioniert beibehalten oder eingestellt werden. Je mehr kleine Ausbildungsklassen mit weniger als 14 Schülern es gibt, desto finanziell schwieriger wird die Lage für die Schule. Und gerade im ländlichen Raum werden die Grenzen schneller erreicht. Hinzu kommt, dass bestimmte Berufe kaum noch nachgefragt werden: speziell Bauberufe (Maurer, Tischler, Zimmerer, der Fliesenleger ist mittlerweile schon fast ein Exot) und Ernährungsberufe (Fleischer oder Bäcker). Was es früher praktisch an jeder Berufsbildenden Schule gab, hat inzwischen Seltenheitswert bekommen.

Um die Einstellung bestimmter Ausbildungsgänge kommen die Schulen unter Berücksichtigung der Wirtschaftlichkeit nicht mehr herum. Bloß, wenn jede Schule in Südniedersachsen dieselben Überlegungen anstellt und dieselben Ausbildungsgänge einstellt – aus individuell immer nachvollziehbaren Gründen, werden südniedersachsenweit zunehmend Berufe flächendeckend gar nicht mehr ausgebildet. Bei der Handwerkskammer Hildesheim Südniedersachsen sieht man diese Tendenz mit Sorge, denn aus dem Kammergebiet sind bereits einige Berufe ganz real über den Deister gegangen und komplett verschwunden. Denn es ist ja nicht so, dass der potenzielle Azubi aus Osterode dann bis nach Hann. Münden fahren würde, um eine Tischlerlehre zu machen – der sucht sich was anderes. Verständlicherweise: Im ersten Ausbildungsjahr sind die Leute oft noch zu jung, um Auto zu fahren und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ist die Distanz auch schwierig. Umzuziehen kommt finanziell nicht in Frage und eine Fahrtkostenübernahme gibt es nur von ganz wenigen Ausbildungsbetrieben und nicht vom Land, das seine diesbezügliche Regelung mit Verweis auf die Haushaltslage seit Jahren aussetzt. Faktisch ist die Mobilität der Auszubildenden deutlich eingeschränkt. Die Folge ist das langsame Verarmen der regionalen Ausbildungslandschaft, weil die Schüler wegbleiben und die Betriebe irgendwann auch nicht mehr ausbilden.

Würde man seine Ausbildungsangebote hingegen südniedersachsenweit koordinieren, ließen sich nicht nur Schwerpunkte in den verschiedenen Ausbildungsgängen mit großen und damit wirtschaftlich gesunden Klassen bilden. Gleichzeitig wäre man auch in der Lage, bestimmte Exoten-Fächer beizubehalten. Vorstellbar wäre, dass je Schule eine gewisse Anzahl an solchen kleinen Fächern vorgehalten wird, um die Vielfalt zu erhalten – die Lasten tragen dann alle gleichermaßen. Hier ist eine gewisse Eile geboten, denn die alte Regel lautet: Was einmal weg ist, kommt nicht wieder. Beispiele dafür gibt es bereits: Fotografen, Raumausstatter und Maßschneider sind schon verschwunden.

Eine abgestimmte Berufsschulentwicklungsplanung muss viele Lösungen finden: Erhalt der Ausbildungsvielfalt, um die Abwärtsspirale aus sinkenden Schülerzahlen, weniger Ausbildungsangeboten, noch weniger Auszubildenden, Einstellung der Ausbildung in Betrieben und stärker werdendem Fachkräftemangel zu stoppen. Gleichzeitig müssen die wirtschaftlichen Ressourcen möglichst optimal genutzt werden, die Qualität muss erhalten bleiben und ebenso die Standorte der noch verbliebenen Berufsbildenden Schulen. Der demografische Wandel verlangt eigentlich nach Zentralisierung, die aber ist strukturpolitisch ungünstig, weil es die Abwärtsbewegung in der Fläche verstärkt. Letztlich sind alle Akteure gefordert: die Betriebe und sicher auch das Land, die über Fahrvergütung nachdenken sollten, um noch Auszubildende zu bekommen; die Innungen, um über den eigenen lokalen Tellerrand hinauszuschauen und die Zusammenarbeit nicht nur nicht zu blockieren, sondern aktiv voranzutreiben; die schülerstarken Schulen, die akzeptieren müssen, dass wenn der Stärkere abgibt, er zwar etwas schwächer wird, der Schwache durch das Abgeben aber tot umfällt. Es würde sicher auch nicht schaden, wenn sich das Land aktiver kümmern würde. Aber letztlich muss vor allem der Landkreis Göttingen eine Lösung durchsetzen und den Weg frei machen für einen regionalen Dialog mit seinen Nachbarn und den zahlreichen Akteuren, um über die harten Fakten und Entscheidungen zu sprechen. Die Neuordnung der Berufsbildenden Schulen ist ein heißes Eisen. Das kann man fallen lassen und warten, bis sich ein anderer die Finger verbrennt. Doch diesen anderen gibt es nicht.

Text: Sven Grünewald, Illustration: Viktoria Siegfried

Aktuelles
Logo Stadt Göttingen Logo Landkreis Göttingen Logo Landkreis Northeim Logo Niedersächsisches Kultusministerium