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Pressemitteilung vom 15.04.2015

Vom Bauchgefühl zum Bildungsmonitoring

Warum Daten und Fakten zur Verbesserung der Qualität von Bildung beitragen können – Auf dem Weg zur staatlich kommunalen Verantwortungsgemeinschaft

Es gibt schlechtere Ratgeber als das Bauchgefühl. Allerdings auch bessere, deutlich bessere. Wer als Bildungspolitiker seit Jahren die eigene Stadt und den eigenen Landkreis unter jugend- und schulpolitischen Aspekten im Blick hat, weiß ganz gut, an welchen Stellschrauben zu drehen ist, wenn die Qualität von Bildung verbessert werden soll. Doch das Bessere ist immer der Feind des Guten. „Ganz gut“ reicht eben nicht mehr aus, wenn es um die Grundlagen einer Politik geht, die sich einerseits der Bedeutung guter Bildung für jegliche gesellschaftliche Entwicklung bewusst, und die andererseits dem Diktat knapper öffentlicher Ressourcen verpflichtet ist.

Der Anspruch lautet also: Aus dem Vorhandenen mehr machen, oder anders ausgedrückt: Politik zu treiben auf der Basis des besten verfügbaren Wissens, Fakten einzubeziehen, wenn das „Bauchgefühl“ mal wieder versucht, den Navigator zu spielen. Also das Buchgefühl zu ergänzen um den Aspekt „Bildungsmonitoring“ und im Abstand von zwei bis drei Jahren Bildungsberichte vorzulegen. Die Bildungsregion Göttingen im Regionalverband Südniedersachsen hat es sich zur Aufgabe gemacht, gemeinsam mit „Zoom – Gesellschaft für prospektive Entwicklungen“ für die drei Landkreise Göttingen, Northeim und Osterode am Harz sowie die Stadt Göttingen im Jahr 2016 den ersten Bildungsbericht für die Region vorzulegen.

Mit diesem Vorgehen verfolgen die Akteure einen ganz einfachen Anspruch: Wer sich auch auf kommunaler Ebene dafür einsetzt, dass Kinder und Jugendliche vom frühkindlichen Bereich bis hin in die berufliche Ausbildung möglichst optimal gefördert wird, der braucht Daten und Fakten über den Ist-Zustand des Bildungswesens: Anteil der Kinder, die Sozialgeld beziehen, Anteil der früh bzw. spät eingeschulten Kinder, Entwicklung des Sprachförderbedarfs von Jungen und Mädchen in Kindertagesstätten, Übergangsquote von der Grundschule auf weiterführende Schulen, Anzahl der Klassenwiederholungen: Es gibt hunderte von Indikatoren wie diese, aus denen sich Aussagen ableiten lassen zur Beschreibung des Bildungswesens einer Gemeinde, eines Landkreises oder einer Region.

Die meisten der für ein professionelles Bildungsmonitoring erforderlichen Daten liegen vor – und zwar bei Schulen, in Schulämtern und Gesundheitsämtern ebenso wie in der Landesschulbehörde und beim Landesamt für Statistik. Aufgabe von Zoom und Regionalverband ist es nun, aus dem Materialwust die wichtigsten Indikatoren herauszufiltern, die Daten zusammenzustellen und aufzubereiten und daraus Handlungsempfehlungen abzuleiten. Dabei geht es nicht um das wissenschaftliche Erkenntnisinteresse der Bearbeiter, sondern schlicht um die Frage, welche Daten die Verantwortlichen in der Kommunalverwaltungen und der Kommunalpolitik brauchen, um die „richtigen“ bildungspolitischen Maßnahmen zu ergreifen. Also dort tätig zu werden, wo der bildungspolitische „Ertrag“ möglichst hoch ist. Dabei ist klar: Mit der für das Frühjahr 2016 vorgesehenen Vorlage des ersten Bildungsberichts ist es nicht getan – es kommt vielmehr darauf an, dass die Verantwortlichen aus den Handlungsempfehlungen Schlüsse ziehen. Deshalb haben sich Zoom und Regionalverband vorgenommen, den Weichzeichner gar nicht erst zur Hand zu nehmen, vielmehr das Bildungswesen so zu skizzieren, wie es ist. Klar und ehrlich. Mit seinen Stärken, aber eben auch mit seinen Schwächen.

Damit wird Bildungsmonitoring zu einem Daten und Indikatoren gestützter Beobachtungs- und Analyseprozess, der in den nächsten Jahren zum bestimmenden Faktor für eine „gute“ Bildungspolitik in Südniedersachsen wird. Der daraus abgeleitete Bildungsbericht wird zur Stichtagsanalyse, die in der Regel in einem Abstand von drei Jahren aktualisiert wird.

Bildungsmonitoring unterscheidet sich ganz grundlegend von der Schulentwicklungsplanung. Deren Aufgabe ist es, aktuelle und zukünftige Schülerzahlen zu bewerten und Prognosen für den Schulträger hinsichtlich Schulstandorten, Klassengrößen und Raumbedarf abzuleiten. Während die Schulentwicklungsplanung schulorientiert erfolgt, arbeitet Bildungsmonitoring mit räumlichem oder teilräumlichen (Kommunen bis hinunter zu Stadtteilen) Bezug. Bildungsmonitoring macht Output orientiert Aussagen über die Qualität von Bildung. Durch die Zusammenführung von Daten aus unterschiedlichen Quellen generiert der Bildungsbericht neue Informationen - ergänzende Erhebungen können in Ausnahmefällen (vor allem bei qualitativen Fragestellungen) erforderlich werden.

Bildungsmonitoring auf regionaler Ebene macht natürlich nur dann Sinn, wenn es eine Kommune zu ihren originären Aufgaben zählt, mitverantwortlich für die Qualität von Bildung zu sein. Da die Kulturhoheit bei den Ländern liegt, ist die klassische Aufgabe des Schulträgers zunächst die Sicherstellung einer sachliche Ausstattung sowie in Teilen die Personalausstattung von Schulen. Qualität von Bildungseinrichtungen ist jedoch zunehmend ein zentraler Standortfaktor. Die Kommunen, die die Qualität von Bildung in den Fokus rücken und dies mit der Erarbeitung eines Bildungsmonitorings dokumentieren, verbessern im Wettbewerb um Fachkräfte und Bürger sowie um öffentliche und private Investitionen ihre Marktposition.

Für den einzelnen Menschen ist Bildung der Zugang zur beruflichen und persönlichen Entwicklung und zu politischer Teilhabe. So haben der Regionalverband und das Niedersächsische Kultusministerium bereits im Jahr 2012 eine Vereinbarung über eine staatlich-kommunale Verantwortungsgemeinschaft für Bildung unterzeichnet. Darin wurde herausgestellt, dass Bildung eine Aufgabe ist, die Kommunen und die staatliche Ebene gemeinsam wahrzunehmen haben. Konkret unterstützt das Land seit 2007 die Bildung von Bildungsregionen. Seit 2011 auch durch die Abordnung einer halben, seit Februar 2015 durch zwei halbe Studienratsstellen für die Bildungsregion Göttingen.

Das Kultusministerium hat in den vergangenen Monaten unter Beteiligung der kommunalen Spitzenverbände ein Rahmenkonzept für Bildungsregionen erarbeitet, das im Januar 2015 veröffentlich wurde. Danach ist der Aufbau eines kommunalen Bildungsmonitorings Grundlage für die angestrebte staatlich-kommunale Verantwortungsgemeinschaft. Kernaussage: Nur mit dem Bauchgefühl als Navigator werden alle Beteiligten dieser gemeinsamen Verantwortung nicht gerecht werden. Bildungsmonitoring und Bildungsbericht werden zu notwendigen, wenn auch nicht hinreichenden Bedingungen für ein leistungsfähiges Bildungswesen in der Bildungsregion Göttingen.

Rüdiger Reyhn
(erschienen im Newsletter I/1015 der Bildungsgenossenschaft Südniedersachsen – BIGS)

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